Yogaphilosophie im Alltag
In dieser Rubrik möchte ich Gedanken und Leitlinien aus der Yogaphilosophie mit dir teilen und versuchen, sie in einen Bezug zu unserer heutigen Art zu Leben, unserem Alltag und zu aktuellen Herausforderungen zu bringen.
In diesem ersten Teil geht es um das Yogasutra von Patanjali
Das Yogasutra von Patanjali ist einer der wohl bekanntesten Texte der Yogaphilosophie. Du kannst es dir wie ein Übungshandbuch der Yogis vorstellen.
In seiner Grundstruktur ist der Text in vier Teile oder Pfade aufgegliedert, die uns an die Hand nehmen um uns Stück für Stück zum eigentlichen Ziel des Yoga – in die Freiheit – zu führen.
Ein Teil dieses Weges ist der „Ashtanga Marga“, der achtgliedrige Pfad, der uns als Orientierung für unsere Praxis dienen soll. In ihm enthalten sind die sogenannten Yamas und Niyamas – ethische Richtlinien, mit denen Patanjali uns Empfehlungen geben möchte in Bezug auf den Umgang mit der Welt und dem Außen (Yamas) und uns selbst (Niyama).
Leitlinien zu einem freien und erfüllten Leben
Vielleicht hast du schon gemerkt, dass ich in der Einleitung weniger von Regeln und Vorschriften schreibe und stattdessen von Leitlinien und Empfehlungen. Denn genau dass sollen diese Schriften sein. Es geht nicht darum zu verurteilen oder uns mit erhobenem Zeigefinger zu belehren. Vielmehr möchten die Schriften uns eine Hilfestellung geben und uns auf dem Weg unserer persönlichen Entwicklung hin zur Freiheit unterstützen.
Sie laden uns ein, zu üben, zu reflektieren und uns selbst die Frage zu stellen, was für uns ein ethisches, freies und erfülltes Leben bedeutet. Sie sind uns Begleitung auf einem Weg, auf dem wir immer mal wieder stolpern oder drei Schritte zurücklaufen werden. Denn auch das ist Teil des Prozesses. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen und daran zu wachsen.
Weniger ist Mehr
Im Kontext mit dem Thema Erschöpfung, aber auch in Bezug auf ein minimalistischeres Leben, möchte ich dir heute das fünfte Yama vorstellen: Aparigraha
Aparigraha bedeutet übersetzt soviel wie „nicht horten“.
In Bezug auf die heutige Zeit und unser Wirtschaftssystem ist es vielleicht die Einladung, uns Gedanken über unser Konsumverhalten zu machen. Besitze ich die Dinge, oder besitzen die Dinge, die ich habe, mich?
So können wir uns wertfrei die Fragen stellen stellen :
- Wieviel brauche ich eigentlich und wann ist ein Bedürfnis erfüllt?
- Kommt das Bedürfnis aus mir selbst heraus, oder ist es künstlich aus dem Außen erzeugt? (Werbung, vergleichen mit Anderen)
- Bringt ein „Mehr“ an Besitz mich meiner Freiheit tatsächlich näher?
- Welche Folgen hat mein Konsum für meine Mitwelt?
- Habe oder verbrauche ich mehr als nötig oder angemessen?
- Bin ich großzügig mit dem, was ich habe?
All unsere Sachen wegzugeben und gar nicht mehr zu konsumieren wäre hier sicher ein sehr radikaler Schritt und ich glaube auch nicht, dass es darum geht. Viel mehr würde ich es als eine Frage nach einen bewussteren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt und um die Folgen, die mein Konsumverhalten mich und meinen Geist, auf die Welt und meine Mitmenschen hat.
Es geht nicht um Wertung oder Anklage, sondern es ist eine Einladung hinzuschauen.
Berücksichtigen wir dabei den Gedanken des Yoga, dass Alles miteinander verbunden ist, so hat mein Konsum immer auch einen Impact auf die Welt im Ganzen.
Lass uns kurz ein paar Aspekte zum Konsum anschauen:
Besitz bedeutet Verantwortung
Wenn ich etwas besitze, dann trage ich die Verantwortung dafür. Ich muss die Dinge pflegen, mich um sie kümmern und habe möglicherweise auch noch das Gefühl sie beschützen zu müssen. Das kostet mich Zeit, Energie und möglicherweise Geld.
Konsum bedarf Geld
Wir müssen Geld verdienen, um Dinge zu kaufen. Je mehr wir konsumieren und anhäufen, desto mehr Geld benötigen wir. Was möglicherweise bedeutet, dass wir einen erheblichen Teil unserer Lebenszeit in unsere Arbeit stecken müssen.
Dinge fordern unsere Aufmerksamkeit
Ein wichtiger Faktor auf dem Weg in die Freiheit ist es, den Geist zu beruhigen. Dabei kann ein „weniger“ (statt mehr) sehr hilfreich sein. Weniger schafft Klarheit. Das ständige Bedürfnis etwas haben zu wollen, macht uns innerlich eher unruhig.
Überforderung durch zu viele Möglichkeiten
Gehen wir beispielsweise in den Supermarkt, dann werden wir konfrontiert mit einer übergroßen Auswahl an Produkten. Alles gibt es in einer fast grotesken Vielzahl und wir müssen uns ständig entscheiden zwischen unzähligen Sorten. Dieses zuviel an Möglichkeiten zwingt unseren Geist, sich ständig neu zu entscheiden. Gleichzeitig werden Bedürfnisse geweckt, von denen wir nicht mal wussten, dass wir sie haben.
Hinzu kommt, dass wir durch das Überangebot ständig das Gefühl haben, im Mangel zu sein, weil es ja noch so viele andere Dinge gäbe, die wir auch haben könnten.
Dinge kosten Zeit
Wieviel Zeit hast du schon damit zugebracht, dir neue Kleidung auszusuchen, für den tollsten Urlaub zu recherchieren, dich für ein neues Fahrrad/ Auto etc. zu entscheiden?
Und wieviel Zeit investierst du in den Unterhalt deines Besitzes?
Was mag Patanjali also gemeint haben? Bin ich also wirklich frei und erfüllt, wenn ich viel besitze?
Wenn ich mir die obigen Punkte anschaue, ist es dann nicht eher so, dass ein zuviel an Dingen in meinem Leben meinen Geist unruhig werden lässt? Bis hin zur Erschöpfung meines Nervensystems? Und kosten es mich unter Umständen nicht sehr viel kostbare Lebenszeit?
Einfachheit als Weg aus der Erschöpfung
Wir leben in einer Überflussgesellschaft, oder, wie der Psychologe Thomas Fuchs in einem Podcast sagte , einer „Multioptionsgesellschaft“. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass jede dieser Möglichkeiten schon dadurch entwertet wird, dass es auch noch viele andere gegeben hätte.
Der ständige Druck, sich entscheiden zu müssen, führt für viele Menschen direkt in eine Erschöpfung durch Überforderung. Denn sich ständig neu entscheiden zu müssen, ist für unseren Geist purer Stress. Eine Überforderung, die uns das Gefühl gibt, uns ständig optimieren zu müssen oder etwas zu verpassen. Das kann soweit führen, dass uns unser Bauchgefühl dabei völlig verloren geht und es schwierig wird unsere tatsächlichen Bedürfnisse überhaupt noch zu erkennen.
Natürlich gab es das alles zu Patanjali’s Zeiten noch nicht. Trotzdem scheint sie auch schon vor 2000 Jahren ein Thema gewesen zu sein, die Frage danach, was wir eigentlich wirklich brauchen, um ein sinnvolles Leben zu führen und uns frei zu fühlen. Beim Anblick unserer heutigen Supermarktregale würde es ihm sicherlich die Sprache verschlagen.
Und somit scheint die Frage nach dem „Genug“ heute aktueller denn je.
Vielleicht kennst du das auch? Ich bin schon aus Geschäften wieder rausgegangen, ohne etwas gekauft zu haben, weil ich mich regelrecht unwohl gefühlt habe bei der Menge der angebotenen Waren. Riesige Einkaufsläden versuche ich tatsächlich auch zu meiden.
Hier in meiner Umgebung entstehen immer mehr kleine Dorfläden mit einem überschaubaren Angebot der Dinge, die wir für unser tägliches Leben brauchen. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass immer mehr Menschen sich nach „wenig“ und „einfach“ sehnen?
Dieses immer und überall vorhandene Überangebot sorgt nicht nur für Stress, sondern gibt uns zusätzlich das Gefühl, immer im Mangel zu sein.
Wir haben ständig Sorge, etwas zu verpassen, noch mehr zu brauchen. In unserer heutigen Welt scheint es kein Ende und kein Genug zu geben und es werden ständig neue Bedürfnisse geweckt.
Warum ein Verzicht Gewinn bedeutet
Vielleicht lohnt sich auch der Gedanke, dass ein „Weniger“ oder ein vermeintlicher Verzicht immer auch ein Gewinn für mich in Bezug auf meine Lebensqualität sein kann?
Weniger Dinge – mehr Klarheit und Ruhe
Weniger Dinge – mehr Zeit
Statt ständig im Mangel zu sein – sehen was schon alles da ist und hinterfragen, was ich überhaupt wirklich brauche.
Und weiter können wir uns fragen :
Wie möchte ich eigentlich leben und was ist mir im Leben denn wirklich wichtig?
Sind es die Dinge, die ich anschaffe, oder die Zeit die ich mit mir lieben Menschen verbringe?
Wieviel Zeit habe ich für mich, um einfach mal nichts zu tun und so überhaupt erst einmal den Rahmen dafür zu schaffen, dass ich mir meiner tatsächlichen Bedürfnisse wieder bewusst werde. Wie verbunden fühle ich mich mit mir und meinen Bedürfnissen?
Zum einen brauchen wir Zeit und Raum für uns, um uns diese Fragen zu stellen und sie zu beantworten. Weniger zu besitzen um das wir uns kümmern müssen und weniger Zeit mit dem konsumieren von Dingen zu verbringen, kann uns diesen Raum für Entschleunigung und Gegenwärtigkeit schenken. In ihm können wir wieder eine Verbindung zu uns selbst und unseren tatsächlichen Bedürfnissen finden, die nicht getriggert sind von Außen.
Je mehr wir mit uns selbst verbunden sind, desto dankbarer und wertschätzender können wir sein mit dem, was wir haben. So finden wir aus dem Mangel in die Fülle und Zufriedenheit zurück. Wir verbringen mehr Zeit mit Menschen und Begegnungen die uns wichtig sind, können Zeit in der Natur und Zeit für Muße genießen und fühlen uns weniger getrieben. Wir leben friedvoller und im Einklang mit unserer Mitwelt (Ich sage bewusst nicht Umwelt, denn es gibt für mich nicht uns und die Welt – denn wir sind ein Teil von ihr) .
Für mich hört sich das sehr schön an. Und ich habe die Erfahrung gemacht, je länger ich Yoga praktiziere, desto größer wird mein Bedürfnis nach weniger. Ein Bedürfnis, dass ganz natürlich aus sich heraus entstanden ist und stetig wächst. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel aussortiert und weggeben und versuche zu hinterfragen, woher die Dinge kommen, die ich noch kaufe und welchen Einfluss meine Kaufentscheidungen auf andere haben.
Ein Prozess, der für mich noch lange nicht abgeschlossen ist und in dem mein Bedürfnis nach Einfachheit und Weniger ständig wächst.
Wie geht es dir damit?
